89 Millimeter – Freiheit in der letzten Diktatur Europas

89 Millimeter – Freiheit in der letzten Diktatur Europas

89millimeterWie groß ist der Abstand zwischen freiheitlicher Demokratie und strenger Diktatur? Der preisgekrönte deutsche Filmemacher Sebastian Heinzel fand dafür eine metaphorische Antwort und somit auch den Titel für seinen 2005 erschienenen Dokumentarfilm: 89 Millimeter. Genau genommen bezeichnen diese 89 Millimeter allerdings nichts anderes als den Unterschied zwischen der Normalspur und der Breitspur bei Eisenbahngleisen, welcher an der weißrussischen Grenze zum Tragen kommt. Fährt man nämlich mit dem Zug von Polen nach Weißrussland, so wird man an der Grenze zu einer Pause gezwungen, während Lokomotive, Anhänger und Wagons hochgehoben werden und statt den in westeuropäischen Ländern üblichen Fahrgestellen für die 1435 Millimeter Standardspur nun die Fahrgestelle für die Spurweite von 1524 Millimetern bekommen, welche in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion üblich sind. Ein regelmäßiges Ritual wegen nicht einmal 10 Zentimetern und dennoch stellt es gewissermaßen den Übergang in eine andere Welt dar. Welche Welt diese Grenzüberschreitung offenbart, das zeigt der Dokumentarfilm auf authentische Art und Weise.

89 Millimeter – der Trailer

Die letzte Diktatur Europas

Schon im Jahr 2005 als Sebastian Heinzel seinen Film der Öffentlichkeit präsentierte, hieß das Staatsoberhaupt von Weißrussland Aljaksandr Lukaschenka. Bereits seit 1994 nimmt er seinen Platz als Präsident der Republik ein und tut es noch heute zwei Dekaden später (2014). Schon dieses Indiz deutet an, weshalb der europäische Binnenstadt zwischen Polen und Russland von westlichen Kritikern häufig als die letzte Diktatur Europas bezeichnet wird. Eine autoritäre Regierung, die Wirtschaft in Staatshand, skurrile Wahlergebnisse und politische Gefangene – schon von außen lässt sich der gewaltige Unterschied von Weißrussland zu den westlichen Ländern genau erkennen. Mit 89 Millimeter versucht Dokumentarfilmer Heinzel jedoch den Blick weiter und tiefer zu richten und statt der anonymen Allgemeinheit lieber individuelle Geschichten und Schicksale einzelner Menschen zu zeigen. Genau das macht den Film letztlich absolut sehenswert. Sechs junge Weißrussen werden mit der Kamera begleitet, einzelne Lebensabschnitte dokumentiert und erst dadurch das weißrussische Lebensgefühl verschiedener Bürger der Republik offenbart. Dank dieser Nähe und Echtheit kann der Zuschauer die Intimität der einzelnen Situationen nachempfinden und spürt dadurch, wie die Diktatur das tägliche Leben beeinflusst. Bewusst wählte der Regisseur als Repräsentanten dieser anderen Welt junge Leute seiner eigenen Generation, welche wie kaum eine andere in dieser modernen Zeit selbst in demokratischen und freien Ländern stets mit einem Hauch Ungewissheit in die Zukunft blickt.

Alltag in den Grenzen des Regimes

Slava zum Beispiel ist Sohn eines politisch Verfolgten und pendelt mit seinen damaligen 25 Jahren zwischen Frau und Kind in Weißrussland und den eigenen Eltern in Deutschland. Der junge Pavel hat bereits mehrjährige Gefängnisaufenthalte erlebt und arbeitet inzwischen als Fassadenstreicher. Igor andererseits ist stolzer Soldat und kann in keinster Weise eine Diktatur um sich herum erkennen. Die Tanzlehrerin Olga dagegen träumt sehnsuchtsvoll von der Ausreise und muss ihren Lebensunterhalt derweil als Go-Go-Girl in Kneipen verdienen. Ludmilla war eine aussichtsreiche Journalistin, verlor allerdings all ihre Perspektive, nachdem die Zeitschrift, für die sie arbeitete, verboten wurde und sieht nun ihren Sinn in kleinen Ritualen des Widerstandes. Zuletzt gibt es noch Alexander, welcher sich ganz offen in der Widerstandsbewegung des Landes engagiert – ZUBR (russisch für Bison, das das Nationalsymbol der Republik ist). Die Auswahl all jener Gesprächspartner und Protagonisten könnte zufällig aber auch willkürlich sein. In jedem Fall aber offenbart sie scheinbar die ganze Bandbreite an jugendlichen Attitüden in Weißrussland. Wenn fast jede Person vor der Kamera exzessiv raucht und trinkt, ist das echt und zeigt, wie das Leben dort ist. Irgendwo zwischen Verzweiflung, Anpassung, Widerstand und hoffnungslosen Fluchtgedanken findet sich jeder wieder. Der Zuschauer kann diese Zerrissenheit spüren und bekommt somit mehr und mehr ein Gefühl dafür, wie viel größer der Unterschied zwischen Freiheit und Gefangenschaft, zwischen Demokratie und Diktatur ist als nur 89 Millimeter.